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Die 1970er Jahre

Die Ära Kreisky bricht an. Die 1970er Jahre sind in Österreich die Zeit des politischen Umbruchs und sozialer Refomen, des weiteren wirtschaftlichen Aufschwungs mit kleinen Einbrüchen (Erdölkrise 1974) und der Kultur- und Bildungsdebatten. 

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Politisch ist dieses Jahrzehnt untrennbar mit Bruno Kreisky verbunden. Die Wahlen am 1. März 1970 bringen eine große politische Verschiebung. Die SPÖ erhält die relative Stimmenmehrheit und 81 Mandate, „Sozialisten für rasche Regierungsbildung. Kreisky: Nun an die Arbeit für Österreich“ titelt die AZ am 3. März. Sieben Wochen später wird unter der Führung von Bruno Kreisky eine sozialistische Minderheitsregierung angelobt. Besonders aufmerksam begleitet und kommentiert wird der Wahlkampf vom neuen politischen Ressortleiter der AZ Manfred Scheuch und von Politik-Redakteur Günter Traxler. Ab den Nationalratswahlen am 10. Oktober 1971 kann Kanzler Kreisky die SPÖ mit absoluter Mandatsmehrheit führen. 

Der Umschwung wird begleitet von neuen Medien. Eben erst war Farbfernsehen auch im ORF eingeführt worden, da wird ab September 1970 auch ein ständiges zweites Fernsehprogramm eingeführt und das Fernsehen berichtet nur einige Tage danach von einem Unglück, das viele erschüttert: Der Autorennfahrer Jochen Rindt verunglückt in Monza tödlich. Die neue Regierung fasst noch kurz vor Weihnachten 1970 den Beschluss zur Errichtung der „UNO-City“ und Wiens Bürgermeister Bruno Marek tritt zurück. Ihm folgt Felix Slavik. Es sind zwiespältige und vielfältige Entwicklungen, die die ersten Jahre des Jahrzehnts charakterisieren. Als der Skifahrer Karl Schranz im Februar 1972 von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sapporo ausgeschlossen wird, liegt Österreich im nationalen Taumel, dem sich auch Medien wie die AZ nicht entziehen können. Kärntens Nationale demontieren im Oktober desselben Jahres die zweisprachigen Ortstafeln im Lande. Europas sozialdemokratische Führer Willy Brandt in Deutschland, Olof Palme in Schweden und Bruno Kreisky in Österreich werden zu politischen Symbolfiguren mit internationaler Reputation.

In Österreich bestimmen soziale Reformen die Debatten: Die Einführung des Gratis-Schulbuches (1972) oder das neue Gesetz zur breiteren Öffnung der Universitäten (April 1975), Debatte und Beschluss eines moderneren Strafrechts und der Fristenlösung (November 1973 bis Jänner 1974). Immer wieder ist aber die mit absoluter Mehrheit regierende SPÖ auch in Skandale und Affären verstrickt. In Wien etwa beginnen im März 1976 die Ermittlungen um den hoch verschuldeten „Bauring“, an dem die Stadt beteiligt ist, 1977 muss Verteidigungsminister Karl Lütgendorf wegen einer Munitionsaffäre zurücktreten.
Chronikale und menschliche Katastrophen bleiben als Zäsuren in Erinnerung: Am 1. August 1976 stürzt in Wien die Reichsbrücke ein, am selben Tag verunglückt der Autorennfahrer Niki Lauda.

Schon kurz nach den Wahlsiegen der SPÖ hatte in der AZ mit Manfred Scheuch ein neuer Chefredakteur die Leitung übernommen. Der Ende der 1960er Jahre eingeleitete Veränderungs- und auch personelle Verjüngungsprozess wurde fortgesetzt. Viel Aufsehen hatte das Engagement der „roten Gräfin“ Barbara Coudenhove-Kalergi für das außenpolitische Ressort erregt. Günter Traxler etablierte sich als einer der wichtigsten innenpolitischen Kommentatoren des Landes, Paul Uccusic übernahm wichtige Agenden der Lokalredaktion. Heribert Benesch berichtete gemeinsam mit Hans Etlinger und Alfred Nimmerrichter aus der Welt des Sports. Hans Walter Christ, später Österreichs erster Zeitungs-Ombudsmann, gehörte Anfang der 1970er Jahre zum engen Redaktionsteam so wie auch Günther Poidinger (TV) oder Wirtschafts-Redakteur Helmut Romé. Und dennoch: Das Blatt, auch grafisch ab September 1970 nur noch als „AZ“ verkauft, geriet just in den Zeiten der größten SPÖ-Erfolge in immer mehr ökonomische Schieflage. Intern sollte ein Redaktionsstatut – das erste in Österreich – für journalistische Unabhängigkeit sorgen, Vorschläge der Redakteur:innen zur Etablierung der AZ als ein parteiunabhängiges, wiewohl linkes Blatt wurden aber von Kreisky stets verworfen. Dennoch oder gerade deshalb konnten sich viele Redakteur:innen, wie etwa auch die Politik-Berichterstatter Ulrich Brunner und Hans Besenböck, die später zum ORF wechselten, großes Ansehen in der Branche erarbeiten. Junge Reporter:innen wie Christa Karas stießen zum Team.
In der Diskussion um das Kernkraftwerk Zwentendorf, die bei der Volksabstimmung am 5. November 1978 mit der größten Niederlage Kreisky in den 1970er Jahren endete, war denn auch die AZ weiterhin streng auf Parteilinie geblieben, obwohl ein Teil der Redakteur:innen und Teile der SPÖ der Kernkraft durchaus kritisch gegenüberstanden.

Im Sport aber schien das Land einig. Die Olympischen Winterspiele 1976 – Gold in der Abfahrt durch Franz Klammer – in Innsbruck hatten für viel Reputation gesorgt. Als endgültigen Durchbruch eines österreichischen Nationalbewusstseins wollten in diesen Jahren viele aber ausgerechnet ein Fußballspiel sehen: Österreichs 3:2 über den Erzrivalen Deutschland bei der WM 1978 in Cordoba und das legendäre Siegestor des Hans Krankl waren Anlass zu nationaler Feierstimmung. „Goleador trumpft auf – Krankls Tore sind super“, war auch die AZ im Siegestaumel.

Im Mai 1979 ist sie es zur eigenen Überraschung neuerlich: Die SPÖ unter Kreisky wird trotz Zwentendorf-Niederlage und deutlicher Verschleißerscheinungen mit absoluter Mehrheit im Amt bestätigt. In der ÖVP macht deswegen Josef Taus kurz darauf für Alois Mock als Parteiobmann Platz. In Wien wird kurz nach der nationalen Wahl, am 18. Juni 1979, der SALT II Vertrag von US-Präsident Jimmy Carter und dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew unterzeichnet. Die UNO-City wird im August offiziell übergeben.

Ausgerechnet die für die Sozialdemokratie so erfolgreichen 70er Jahre haben ihrem Zentralorgan AZ nur wenig Erfolg gebracht. Trotz immer noch recht beachtlicher Reichweiten bei den Lesern verliert sie gleichmäßig und weiterhin Marktanteile und auch die 1974 unter Kreisky eingeführte Presseförderung, von der die AZ besonders deutlich profitierte, lindert nur die materiellen Nöte, aber kann sie nicht abschaffen. Ende der 70er Jahre wird die AZ deswegen in neue Eigentümerstruktur – aber weiter in Parteibesitz – übergeführt und Albrecht K. Konecny als Herausgeber des Blattes berufen.

1976 treffen Bundeskanzler Kreisky und der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat zu Nahostgesprächen in Wien zusammen. @ Walter Henisch
Der deutsch-österreichische Autorennfahrer Jochen Rindt verunglückt 1970 tödlich in Monza. 1979 wird die UNO-City in Wien nach sechsjähriger Bauzeit offiziell der UNO übergeben. @ Contrast und Quelle: UNO
Trümmer der eingestürzten Wiener Reichsbrücke in der Donau im August 1976. Hans Krankls legendäres Siegestor beim 3:2 gegen Deutschland in Córdoba bei der Fußball-WM 1978. @ Helmut Kcral/Wikimedia Commons und Contrast

Jahresspiegel 1970er Jahre

1970

  • SPÖ Mehrheit Erstmals in der II. Republik erzielt die SPÖ bei der NR-Wahl auch die Mandatsmehrheit.
  • SPÖ Regierung Nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen bildet Kreisky eine SP-Minderheitsregierung.
  • Neue Felsenreitschule Bei den Salzburger Festspielen wird im Juli 1970 die neue, von Clemens Holzmeister gestaltete, Felsenreitschule eingeweiht.
  • Jochen Rindt verunglückt Beim Training zum Grand Prix in Monza verunglückt Jochen Rindt in der Parabolica

1971

  • SPÖ-Mehrheit Die 9. Nationalratswahl der II. Republik bringt erstmals die Stimmenmehrheit für die SPÖ.
  • Waldheim Generalsekretär der UNO Österreichs Botschafter bei den Vereinten Nationen Kurt Waldheim wird zu deren Generalsekretär gewählt.

1972

  • Karl Schranz ausgeschlossen Karl Schranz wird vom Internationalen Olympischen Komitee von den Winterspielen in Sapporo wegen Verstoßes gegen die Amateurbedingungen ausgeschlossen.
  • Ortstafelstreit In Kärnten kommt es zu Auseinandersetzungen wegen zweisprachiger Ortstafeln. Vielleicht seien „gewisse nazistische Strömungen“ in Österreich bislang unterschätzt worden, sagt Kreisky.

1973

  • Geiselnahme in Marchegg Zwei arabische Terroristen überfallen Zug in Marchegg und nehmen jüdische Emigranten als Geiseln.
  • Nobelpreis für Lorenz und Frisch Konrad Lorenz und Karl von Frisch erhalten den Nobelpreis für Medizin.
  • Fristenlösung. Im November beschließt der Nationalrat die Fristenlösung, die straffreie Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten.

1974

  • Autoloser Tag Zur Einführung des autolosen Tages aufgrund der Erdölknappheit bietet die AZ ihren Leser:innen „Tage zum Ausschneiden“ für die verpflichtende Kennzeichnung.
  • Tempo 130 Am 1. Mai 1974 wurde die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen von 120 km/h auf 130 km/h angehoben.
  • ORF-Reform Das neue Rundfunkgesetz sieht unter anderem die Einführung eines Redaktionsstatuts und eines Publikumsrates für den ORF vor.

1975

  • Ford trifft Sadat in Salzburg Der US-Präsident Ford und der ägyptische Staatspräsident Sadat treffen in Salzburg auf der Suche nach einer „Friedensformel“ zusammen.
  • Ehegesetz Das neue Familienrecht, das jenes aus dem Jahr 1811 ersetzt, verabschiedet das „Familien-Oberhaupt“ und führt die Möglichkeit der einvernehmlichen Scheidung ein.
  • Terror in Wien Der OPEC-Sitz in Wien wird im Dezember Schauplatz eines Anschlags. Mit 33 Geiseln in ihrer Gewalt werden die Terroristen nach Algier ausgeflogen.

1976

  • Winterspiele Innsbruck Erneut nach 1964 kommen die Olympischen Winterspiele nach Innsbruck. Am Tag nach der Eröffnung holt Klammer Gold in der Abfahrt.
  • Reichsbrücke eingestürzt Die Reichsbrücke in Wien stürzt am Morgen des 1. August ein. AZ bringt einen 5seitigen Sonderbericht.
  • Lauda schwer verletzt Niki Lauda verunglückt beim Formel I Rennen auf dem Nürburgring schwer.

1977

  • Gleichberechtigung beim Familiennamen Das neue Namensrecht ermöglicht Eheschließenden den Familiennamen der Frau anzunehmen. Die AZ macht eine Reportage zu den ersten Paaren, die diesen Schritt gewagt haben.
  • Rücktritt Lütgendorf . Verteidigungsminister Lütgendorf muss wegen seiner Verwicklung in eine Munitionsaffäre zurücktreten.
  • Palmers entführt Der Großindustrielle Palmers wird entführt und später gegen Lösegeld freigelassen. Am 25.11. berichtet die AZ über Festnahme der Täter.

1978

  • Cordoba 3:2 Österreichs Fußball-Nationalmannschaft gewinnt bei der WM in Argentinien nach 47 Jahren erstmals wieder gegen Deutschland.
  • Zwentendorf Abstimmung Am Tag der Volksbstimmung ruft die AZ zu einem Ja zu „Zwentendorf“ auf. 50,47 % stimmen dennoch dagegen.
  • „Das Bauwerk des Jahrhunderts“ Der Arlberg-Straßentunnel mit knapp 14 km längster Straßentunnel der Welt wird eröffnet.

1979

  • SPÖ-Wahlsieg Bei der NR-Wahl im Mai kann die SPÖ ihre absolute Mehrheit ausbauen.
  • Salt II unterzeichnet US-Präsident Carter und der sowjetische Staatschef Breschnjew unterzeichnen in Wien das Salt II-Abkommen.
  • Nahost-Gespräche In Wien treffen PLO-Chef Arafat, der SPD-Vorsitzende Brandt und Kreisky zu Nahostgesprächen zusammen.
  • UNO-City eröffnet In Wien wird die UNO-City übergeben. Bevor sie damit zur „Verbotenen Stadt“ für die Bevölkerung wird, gibt es noch Tage der Offenen Tür.