Die Aufbaujahre
Die zweite Republik ist erst wenige Monate alt, die provisorische Regierung noch im Amt, da werden von den alliierten Befreiern Österreichs auch die einstigen Zeitungen der politischen Parteien wieder zugelassen. Am 5. August 1945 erscheint neben dem „Kleinen Volksblatt“ der ÖVP und der kommunistischen „Volksstimme“ auch die legendäre „Arbeiter-Zeitung“ unter der Leitung ihres Chefredakteurs Oscar Pollak wieder.
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Die Arbeiter-Zeitung, 1889 gegründet, war von 1934 bis zum März 1938 in der Illegalität gewesen, mit der Machtübernahme durch das Nazi-Regime wurde sie eingestellt. Ein gutes Jahrzehnt nach ihrem Verbot wurde sie neugegründet. Schon in der Nacht zum Sonntag, den 5. August 1945, stellten sich, so der Verein der Geschichte der Arbeiterbewegung (http://www.vga.at/articles/id/1046), viele Menschen beim Gebäude des „Vorwärts-Verlags“ in der Rechten Wienzeile an, um ein Exemplar der Nummer 1, 47. Jahrgang, so das Titelblatt zu ergattern. Die Auflage, die aufgrund der Papierzuteilung zunächst mit 100.000 begrenzt war, war im Nu vergriffen. Die Arbeiter-Zeitung wurde zum wichtigen Symbol für die wieder erlangte Freiheit. Im folgenden Jahrzehnt war sie nicht nur Chronistin des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus – sie wurde „die Zeitung, die sich was traut“.
Junge Reporter wie Franz Kreuzer, Friedrich Katscher oder Alois Brunnthaler – die Stammredaktion war damals männlich besetzt – berichten vom schwierigen Alltag der Nachkriegsjahre. Sie prangen die Übergriffe der „Unbekannten“ im Nachkriegs-Wien an, der sowjetischen Besatzer. Sie arbeiten unter Anleitung routinierter Redakteure wie Alois Piperger, Jacques Hannak, Friedrich Scheu oder Josef Sterk. Die Leitartikel von Chefredakteur Pollak haben nicht nur Wortgewalt, sondern reale politische Macht. Die Arbeiter-Zeitung berichtet bereits von den ersten freien Wahlen, die der ÖVP eine knappe absolute Mandatsmehrheit bringen, und der Angelobung der Regierung von Bundeskanzler Leopold Figl im Dezember 1945. Sie begleitet das kommende Jahrzehnt als eine der meistgelesenen österreichischen Zeitungen.
Ihre Stärken liegen neben der Politik- vor allem in der Kulturberichterstattung und in den chronikalen und kommunalen Reportagen. Aber auch sportliche Erfolge – von Richard Menapaces Glocknersieg (1949) über Traude Beiser-Jochums Olympiagoldmedaille in der Damenabfahrt (1952) bis zum 3. Platz der österreichischen Fußballer bei der WM in der Schweiz (1954) – berichtet die Zeitung mit Reportern vor Ort ausführlich. Bei den großen Streiks des Jahres 1950, gesteuert und unterstützt von den Sowjets und den KPÖ-Betriebsräten, ist die AZ-Berichterstattung eine Speerspitze zur Unterstützung von Exekutive und des Gewerkschaftsbundes bei der Niederschlagung der Streiks. Die Redakteure Karl Hans Sailer und Karl Ausch geißeln in täglichen Leitartikeln die kommunistischen Aktivisten und kommentieren die Niederschlagung des „kommunistischen Putschversuchs“.
Im Feuilleton der Arbeiter-Zeitung, einer der bekanntesten Autoren dieses Genres war Richard Kurfürst unter dem Pseudonym „West“, erhalten viele später berühmte Journalist:innen und Autor:innen ihre erste Publikationsmöglichkeit – unter ihnen auch der spätere Romanautor Johannes Mario Simmel. Als im März 1950 der Film „Der Dritte Mann“ in Wien anläuft, sagt die Kritik der „Arbeiter-Zeitung“ diesem zwar sachliche Fehler in der Beschreibung des Nachkriegs-Wien nach, ist aber dennoch sicher: „So muss ein Film aussehen, der Erfolg hat“.
Jahresspiegel Aufbaujahre
1945
- Die AZ erscheint wieder Die erste Ausgabe der Arbeiter-Zeitung nach dem II. Weltkrieg erscheint. Die letzte legale Ausgabe davor erschien am 12. Februar 1934.
- Erste Wahlen Erste Nationalratswahlen der II. Republik. Eine Sonderausgabe der AZ berichtet über den Sieg der SPÖ in Wien.
- Renner Bundespräsident Dr. Karl Renner wird von der Bundesversammlung gewählt. Noch am selben Tag ernennt er die Bundesregierung, der auch ein KP Minister angehört.
1946
- Südtirol-Autonomie Außenminister Gruber und der italienische Premier de Gasperi schließen am 5. September ein erstes Abkommen über die Autonomie Südtirols.
- Nürnberger-Prozess Das Alliierte Militärgericht in Nürnberg verkündet die Urteile gegen 21 Hauptkriegsverbrecher.
1947
- Appell an die Bevölkerung Die Regierung richtet einen Appell zum Durchhalten an die Bevölkerung. In London beginnen erste Verhandlungen zum Staatsvertrag.
- Beschluss Marshallplan Der Aufbau einer vorläufigen Organisation, unter der Leitung Englands und Frankreichs, zur Umsetzung des US-Hilfsprogramms zum Wiederaufbau Europas wird beschlossen.
- Erste Heimkehrer Die AZ berichtet euphorisch vom Empfang der ersten Heimkehrer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft.
1948
- Jugendamnestie-Gesetz Der Nationalrat beschließt einstimmig die Amnestie für sogenannte „minderbelastete“ ehemalige junge Mitglieder der NSDAP.
- Österreich unterzeichnet Marshallplan In Wien unterzeichnen die USA und Österreich ein Abkommen, in dem sich die USA zu umfangreichen kostenlosen Hilfslieferungen an Österreich verpflichten.
- Olympiasiegerin Bauma Herma Bauma gewinnt bei den XIV. Olympischen Spielen in London den Speerwurf mit dem olympischen Rekord von 45,57 Metern.
1949
- Hoffnung auf Staatsvertrag „Staatsvertrag bis 1. September“ gibt die AZ die euphorische Stimmung nach Einigung bei einer Außenministersitzung in Paris wider.
- Glockneretappe der 1. Radrundfahrt Das Radrennen „Rund um Österreich“ wird erstmals ausgetragen. Der spätere Sieger, der Österreicher Richard Menapace, gewinnt am Glockner.
- Fortsetzung folgt „Der Mörder trinkt keine Milch“ – der erste Krimi von J.M. Simmel – wird in 59 Teilen, vom 2. August bis 9. Oktober) in der AZ abgedruckt.
- „Unentschieden“ So titelt die AZ in einer Sonderausgabe zur NR-Wahl im Oktober, trotz großer Verluste beider Großparteien durch den Antritt der WdU.
1950
- Der dritte Mann Zwar sei die Handlung, so die Filmkritik, „nicht ganz hieb- und stichfest“, hingegen sei der Blick auf das Leben in einer „Stadt, in der sich die ganze Verrücktheit dieser Zeit widerspiegelt“ meisterhaft gelungen.
- Austria Meister Bilanz der erstmals ausgetragenen gesamtösterreichischen Staatsliga.
- Oktoberstreik Der Beschluss des vierten Lohn- und Preisabkommens führt zu Demonstrationen und Streiks. Die AZ versucht täglich dagegen zu halten.
1951
- Renner verstorben Bundespräsident Dr. Karl Renner verstirbt am 31. Dezember 1950. In der AZ erscheint ein umfangreicher Nachruf.
- „Das war ein Sieg!“ Körner gewinnt am 27. Mai die erste Direktwahl zum Bundespräsidenten in der Stichwahl gegen Heinrich Gleißner (ÖVP).
- Fleischlose Tage Zur Überwindung der Fleischkrise darf jeweils Dienstag und Donnerstag kein Fleisch verkauft oder in Gaststätten verabreicht werden.
- Salzburger Festspiele Die AZ feiert die Premiere des „Wozzeck“ von Alban Berg, der in seiner Heimat Österreich lange gemieden wurde, als „Sensation“ und Zeichen „neuer produktiver Kräfte“ im altehrwürdigen Salzburg.
1952
- Neue Pummerin in Wien Der Zug der Pummerin zum Stephansplatz wird von tausenden Wienern begleitet.
- „Wir bauen selber!“ Wiens Bürgermeister Jonas erinnert bei der Grundsteinlegung zur 25.000 Gemeindewohnung an den ersehnten Staatsvertrag.
- Westbahn elektrifiziert Mit der Fertigstellung des letzten Teilstücks von Wien bis Amstetten ist nunmehr die gesamte Westbahn elektrifiziert.
1953
- Bradl gewinnt Tournee Sepp „Bubi“ Bradl gewinnt die zum ersten Mal ausgetragene Vier-Schanzen-Tournee.
- Tod Stalins Im März stirbt Josef Stalin. Unter seiner Diktatur seien „die geistigen und seelischen Werte einer Revolution in Gewalt und Zwang und Terror umgesetzt“ worden, schreibt die AZ.
- SPÖ stimmenstärkste Partei Bei der NR-Wahl erhält die SPÖ die meisten Wählerstimmen, bleibt aber nach Mandaten hinter der ÖVP.
1954
- Lawinenkatastrophe in Vorarlberg Vor allem das Walsertal und das Montafon sind von der größten Lawinenkatastrophe des Landes getroffen
- Österreich WM-Dritter Die österreichische Fußball-Nationalmannschaft wird mit einem Sieg über Uruguay Dritter der WM in der Schweiz.
- Hochwasser in Ostösterreich Weite Gebiete entlang der Donau in Ober- und Niederösterreich werden verwüstet.
- Vertrag von Triest In London wird der Vertrag von Triest unterzeichnet und der Freistaat zwischen Italien und Jugoslawien geteilt.