Nach dem Staatsvertrag
Die Jahre nach 1955 sind von Wirtschaftsaufschwung, kulturellem Aufbruch und nationalem Selbstbewusstsein geprägt. In den 1960er Jahren fordert die junge Generation auch in Österreich einen Bruch mit überkommenen Gesellschaftsstrukturen und Antisemitismus. Die AZ sieht sich trotz eines Modernisierungsprozesses zunehmend unter Druck der parteiunabhängigen Konkurrenz.
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Ein Jahrzehnt lang hatte die Arbeiter-Zeitung wie alle großen Medien über die vielen Details, Irrungen und Umwege zur Erlangung der vollen, österreichischen Souveränität berichtet, ehe am 15. Mai 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde. Just nach diesem für das Land so wichtigen Akt geriet einer der verlässlichsten Chronisten, eben die Arbeiter-Zeitung, erstmals in eine Krise. Die Rolle der gleichermaßen antikommunistischen Aufdecker, sozialistischen Aufklärer und politischen Heralde war in breiten Bevölkerungsschichten nun weniger nachgefragt. Die oft unterhaltsamere Boulevardpresse erreichte rasch höhere Auflagen als die Parteipresse aller Couleurs. Bei den Nationalratswahlen 1956 verpasste die ÖVP unter Führung von Julius Raab eine absolute Mandatsmehrheit nur ganz knapp. Zum ersten Mal war auch die FPÖ als Nachfolgepartei des „Verbands der Unabhängigen“ angetreten. Der Sozialist Adolf Schärf war 1957 zum Bundespräsidenten gewählt worden, Bruno Pittermann hatte das Amt des SPÖ-Vorsitzenden übernommen. Die Berichterstattung war da aber vor allem von internationalen Themen dominiert. Österreich stand unter dem Eindruck von Volksaufstand und Niederschlagung im Oktober 1956 in Ungarn und erwies sich als Flucht- und Flüchtlingshelfer. In Wirtschaft, Kultur und Sport drückte sich vielfach das wieder gefundene Selbstbewusstsein des freien Österreichs aus: Die neue AUA fliegt ab Ende März 1958. Das fast zeitgleich in Betrieb genommene Tauernkraftwerk in Kaprun wird Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs. Toni Sailer feiert seit Mitte der fünfziger Jahre zahlreiche Skierfolge. Mit dem Phantastischen Realismus der „Wiener Schule“ um Arik Brauer, Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Rudolf Hausner und seiner Ausstellung 1959 im Belvedere nimmt erstmals wieder eine relevante Kunstentwicklung in Österreich ihren Ausgang. Österreichs Aufnahme in die EFTA (1960) und seine Gastgeberrolle beim Gipfeltreffen von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow im Mai 1961 in Wien dokumentieren neue Bedeutung.
In der Arbeiter-Zeitung kommt es 1961 zu einem Wechsel an der Spitze. Franz Kreuzer soll als neuer Chefredakteur das einigermaßen verstaubt wirkende Blatt in Form und Inhalt renovieren. Sichtbarstes äußeres Zeichen ist die Veränderung des Titelkopfes. Aus der Arbeiter-Zeitung in Frakturschrift wird systematisch die AZ. Neue Blatt-Teile wurden eingeführt, zahlreiche junge Redakteur:innen mit der Blatt-Umgestaltung betraut: Herbert Löwy, in den siebziger Jahren als Kolumnist „Gluthammer“ und Chef vom Dienst einer der großen Vollblut-Zeitungsmacher des Landes und Josef Riedler. Erich Sokol wurde als Karikaturist der AZ rasch einer der Zeichner-Stars in Österreich und Kurt Kahl gestaltete mit Eva Lorenz eine neue Sonntags-Beilage des Blattes. Als 1963 John F. Kennedy in Dallas ermordet wurde, war – eher zufällig – als einziger österreichischer Journalist der AZ-Redakteur Otto Fielhauer Augenzeuge vor Ort. Walter Henisch war in diesen Jahren der Fotoreporter der AZ. Sein gleichnamiger Sohn arbeitete in den siebziger Jahren einige Zeit in dieser Funktion. Sein älterer Sohn, der Schriftsteller Peter Henisch, sammelte ebenfalls seine ersten Sporen als Autor in der AZ. Zur starken Konkurrenz am Printmedienmarkt mit der 1959 gegründeten Kronen Zeitung, dem höchst erfolgreichen Kurier und den Bundesländerblättern hinzu kam für die Parteizeitung in dieser Periode auch jene der elektronischen Medien. 1957 war ein regelmäßiges TV-Programm auf Sendung gegangen. Das viel unterstützte ORF-Volksbegehren des Jahres 1964 brachte schließlich eine Grundstimmung der Österreicher:innen gegenüber den demokratischen Medien zum Ausdruck: Sie sollten unabhängig von Parteiapparaten agieren können. Themen wie die ersten Olympischen Winterspiele im Jänner und Februar des Jahres 1964 in Innsbruck faszinierten und stellten alle Medien vor neue Herausforderungen.
Die langjährige Zweckehe von ÖVP und SPÖ in der Großen Koalition nunmehr unter Führung von Alfons Gorbach war inzwischen immer brüchiger geworden. Doch während die SPÖ im Mai 1965 erneut die Präsidentenwahlen für sich und ihren Kandidaten, Franz Jonas, entscheiden konnte, erreichte die ÖVP bei der Nationalratswahl unter der Führung von Josef Klaus im März 1966 die absolute Mehrheit und stellte ab April eine Alleinregierung. International und national brachen ab Mitte der sechziger Jahre die gesellschaftlichen Spannungen auf: In Wien demonstrieren die Studierenden gegen den „Mief von tausend Jahren unter den Talaren“, Ende März 1965 gegen den Universitätsprofessor Borodajkewycz und dessen antisemitische Äußerungen in Vorlesungen. In Deutschland organisieren sich die Studierenden rund um den Berliner Studentenführer Rudi Dutschke. Die spätere 68er-Bewegung formiert sich, Demonstrationen gegen die USA und den Vietnam-Krieg werden in den USA und Europa zu Massenkundgebungen. Im August 1968 steht die Welt im Banne des „Prager Frühlings“ und seiner gewaltsamen Niederschlagung durch die Sowjetunion und die Truppen der „Warschauer Pakt“-Staaten, was zu einer Fluchtbewegung in den Westen führt. Politische Umbrüche kündigen sich auch in den etablierten Parteien Österreichs an. Jüngere Sozialist:innen, unter ihnen Heinz Fischer, Josef Staribacher, Karl Blecha und AZ-Chefredakteur Kreuzer legen Reformpapiere vor und treten für mehr innerparteiliche Diskussion ein. Bruno Kreisky übernimmt schließlich im Februar 1967 den Vorsitz der SPÖ. Der neue Parteichef wünscht sich aber auch einen neuen Chefredakteur für das Zentralorgan: Paul Blau, davor Chefredakteur der Monatszeitschrift „Wirtschaft und Arbeit“ folgt auf Franz Kreuzer, der nach zwei Jahrzehnten die AZ verlässt und von Gerd Bacher prompt in den ORF geholt wird. Kanzler Josef Klaus bildet 1968 die – bereits vielfach kritisierte – ÖVP-Regierung um und beruft Stefan Koren zum Finanzminister. Alois Mock wird 1969 Unterrichtsminister.
Jahresspiegel
1955
- Staatsvertrag Am 15. Mai 1955 wird der österreichische Staatsvertrag im Belvedere unterzeichnet.
- Unterzeichnung des Staatsvertrags „Österreich wird endlich frei“ titelt die AZ am Tag der Unterzeichnung des Staatsvertrags.
- Unfall von Le Mans Bei einem Unfall beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans sterben mehr als 80 Menschen. „Das Unbegreifliche: Das Rennen ging weiter“, schreibt die AZ.
- Wehrgesetz Der Nationalrat beschließt das neue Wehrgesetz mit den Stimmen von ÖVP und SPÖ. Im Jahr darauf treten die ersten Präsenzdiener an.
- Flugzeugabsturz in Wien Eine jugoslawische Verkehrsmaschine stürzt im dichten Nebel auf die Höhenstraße zwischen Leopoldsberg und Kahlenberg.
- Oper in Wien eröffnet Karl Böhm dirigiert die Wiener Philharmoniker zur Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper.
- Österreich wird UNO-Mitglied Neben fünfzehn anderen Nationen wird Österreich einstimmig in die Vereinten Nationen aufgenommen.
1956
- Drei Mal Gold für Sailer Toni Sailer gewinnt auch den Abfahrtslauf und wird mit drei goldenen erfolgreichster Sportler der Olympischen Spiele in Cortina.
- NR-Wahl ÖVP gewinnt stark Die FPÖ erreicht bei ihrer ersten Kandidatur nur noch 6,5 % gegenüber 11 % des VdU im Jahr 1953.
- Bäcker streiken Die Bäckereiarbeiter kündigen einen unbefristeten Streik an, der auch in ganz Österreich über vier Tage eingehalten wird: „lückenlos“ und „diszipliniert“.
- Aufstand in Ungarn In Budapest beginnen gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sowjetarmee.
1957
- Körner gestorben Bundespräsident Körner verstirbt unerwartet am 4. Jänner. Die AZ bringt einen großen Nachruf.
- Schärf gewählt Mit Dr. Adolf Schärf wird der SPÖ-Kandidat zum Bundespräsidenten gewählt. Die AZ berichtet euphorisch.
- Sputnik gestartet „Seit Freitag hat die Erde einen künstlichen Mond“, titelt die AZ am 6. Oktober 1956. Zwei Tage zuvor startete die Sowjetunion noch vor den USA ihren ersten Satelliten.
1958
- AUA Jungfernflug Die Austrian Airlines nehmen den Flugbetrieb von Wien-Schwechat auf.
- Schwalleck gesprengt Der für die Donau-Schifffahrt gefährliche Felsen bei Grein wird mit 7000 Kilogramm Sprengstoff aus dem Fluss gesprengt.
- Stadthalle eröffnet „Ein Platz für Europa – eine Halle für die Welt“ jubelt die AZ anlässlich der der feierlichen Eröffnung des Europaplatzes und der Stadthalle in Wien.
1959
- NR-Wahl SPÖ wird nach 1953 wieder stimmenstärkste Partei. ÖVP behält jedoch ein Mandat Vorsprung.
- EFTA Gründung In Stockholm treffen Vertreter von sieben Nationen darunter auch Österreich zur Vorunterzeichnung der Gründung der Freihandelszone EFTA zusammen. 1960 tritt sie in Kraft.
- „Überspitzte Moderne“ Ein John-Cage-Klavierkonzert unter Leitung von Kurt Schwertsik löst Empörung aus. Die AZ urteilt mit „wüstem Faschingsrummel“ noch vergleichsweise freundlich.
1960
- Explosion am Erdölfeld Im Erdölgebiet in Aderklaa am Stadtrand von Wien explodiert ein Sprengstoffwagen und tötet sechs Arbeiter.
- „Heute kommt Chruschtschew an“ Der sowjetische Ministerpräsident trifft zu einem Staatsbesuch in Wien ein.
- Straßenbahnunglück in Wien Der Zusammenstoß von zwei Garnituren der Linie 39 führt mit 14 Toten und Dutzenden Verletzten zum bislang schwersten Unglück der Wiener Straßenbahnen.
- AUA Absturz Eine viermotorige Vickers Viscount der Austrian Airlines (AUA) stürzt bei starkem Regen und Nebel kurz vor Moskau ab. 30 Personen kommen ums Leben.
1961
- Rauferei am Spielfeld Das Europacup-Semifinalspiel Rapid - Benfica Lissabon muss kurz vor Ende wegen Raufereien abgebrochen werden.
- JFK trifft Chruschtschew US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschew treffen AnfangJuni in Wien zusammen.
- Sabotage in Südtirol Der Südtirolkonflikt spitzt sich weiter zu. Die AZ berichtet von 19 gesprengten „Telephon- und Elektrizitätsanlagen“ in Südtirol. Tatsächlich waren es 37 Hochspannungsmasten (https://hdgoe.at/terrorismus-suedtirol).
- Eichmann-Prozess In Jerusalem wird der Prozess gegen Adolf Eichmann, der seit April geführt wird, mit der Verkündung der Todesstrafe am 15. Dezember beendet.
1962
- Atomreaktor im Prater Im Wiener Prater wird ein Atomreaktor zu Forschungszwecken in Betrieb genommen.
- Zwanzgerhaus In Wien wird im umgebauten Weltausstellungspavillon das Museum des 20. Jahrhunderts eröffnet.
- ÖVP-Wahlsieg Die ÖVP unter Bundeskanzler Gorbach überholt bei den Nationalratswahlen knapp die SPÖ.
1963
- „Pfui Karajan“ Die Premiere von La Boheme musste abgesagt werden, weil das künstlerische Personal gegen Karajans teuren italienischen Wunsch-Souffleur protestierte.
- Europabrücke eröffnet 30.000 Menschen kamen zum Eröffnungsfest auf „höchster Pfeilerbrücke der Welt“.
- Kennedy ermordet US-Präsident J.F. Kennedy wird am 22. November in Dallas, Texas, erschossen. AZ-Redakteur Fielhauer berichtet vom Tatort.
1964
- Winterspiele in Innsbruck Die Olympischen Spiele werden am 29. Jänner feierlich eröffnet. Die AZ berichtet schon ab 19. Jänner täglich in einer Sonderbeilage.
- Bundeskanzler Klaus Bundeskanzler Gorbach tritt zurück, die neue Regierung Klaus wird angelobt.
- Olah ausgeschlossen Der durch eigenwillige Geldtransaktionen in Kritik geratene Franz Olah wird von der SPÖ ausgeschlossen.
1965
- Kirchweger getötet Ernst Kirchweger wird bei Kundgebungen gegen Uni-Professor Borodajkewycz vom Neonazi Kümel schwer verletzt und stirbt zwei Tage danach.
- Jonas Bundespräsident Mit 50,69 % der Stimmen setzt sich Franz Jonas (SPÖ) knapp gegen Alfons Gorbach (ÖVP) durch.
- Bürgermeister von Wien Nach der Wahl von Franz Jonas zum Bundespräsidenten wird Bruno Marek (ebenfalls SPÖ) Wiener Bürgermeister.
1966
- ÖVP Absolute Mit 48 % der Stimmen erreicht die ÖVP die absolute Mandatsmehrheit bei den Nationalratswahlen.
- Rundfunkgesetz Nach dem Rundfunkvolksbegehren wird das neue Rundfunkgesetz mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ beschlossen.
- Queen in Wien Am 5 Mai trifft Queen Elizabeth mit Prinz Philip zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Wien ein.
- „Wembley-Tor“ Eines der umstrittensten Tore der Fußballgeschichte leitet den Finalsieg von WM-Gastgeber England über Deutschland ein.
1967
- Alpiner Skiweltcup Erstmals wird der Alpine Skiweltcup ausgetragen. Der Franzose Jean-Claude Killy wird bei den Herren erster (überlegener) Gesamtweltcupsieger.
- Tito in Österreich Der fünftägige Besuch des jugoslawischen Präsidenten beginnt mit einem falschen Bombenalarm und endet mit der Verhaftung eines potenziellen Attentäters.
- Studierende demonstrieren In Wien demonstrieren rund 5.000 Student:innen für Demokratisierung der Uni und höhere Bildungsbudgets. Auch in Graz wird protestiert.
1968
- Streikdrohung des ORF Nachdem Generalintendant Gerd Bacher eine umstrittene Kündigung zurückgenommen hat, wird ein angekündigter ORF-Streik abgesagt.
- Prager Frühling Die Sowjetarmee marschiert am 21. August in der CSSR ein. Viele Menschen flüchten, auch nach Wien. Die AZ bringt einen Sonderbericht auf 9 Seiten.
- Wahlalter gesenkt Mit den Stimmen aller im Parlament vertretenen Parteien wird das aktive Wahlalter auf 19 gesenkt, das passive auf 25.
1969
- Olah-Prozess Wegen Betrugs wird der ehemalige Innenminister zu „einem Jahr schweren Kerkers, verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich“ verurteilt.
- 40-Stunden Woche Die SPÖ lanciert ein Volksbegehren zur Einführung der 40-Stunden-Woche das von mehr als 850.000 Unterstützer:innen unterschrieben wird.
- Die Mondlandung Apollo 11 erreicht am 20. Juli den Mond. Die AZ feiert die „Eroberung“ mit einem 6-seitigen Sonderbericht. Schon Tage zuvor war die Mission täglich auf der Titelseite der AZ.