Die Geschichte des Projekts
2025 geht das kostenlose Archiv der Ausgaben der historischen Arbeiterzeitung der Zweiten Republik wieder online. 2004 bis 2021 war es bereits als ein Pionierprojekt zu digitalen europäischen Zeitungsarchiven offen zugänglich.

Die Geschichte des Projekts
arbeiterzeitung.at und seine Nutzer:innen
2025 geht das kostenlose Archiv der Ausgaben der historischen Arbeiterzeitung der Zweiten Republik (wieder) online. 2004 bis 2021 war es bereits als ein Pionierprojekt zu digitalen europäischen Zeitungsarchiven offen zugänglich.
Die Arbeiter-Zeitung ist ein Stück Geschichte. Gegründet 1889 von Victor Adler als sozialistisches Zentralorgan, hatte sie Einfluss in ganz Europa und war nach 1945 Wegbegleiterin des österreichischen Wiederaufbaus.
Das Projekt arbeiterzeitung.at schrieb selbst Geschichte nach dem Ende dieser „AZ“. 2004 wurden alle Ausgaben von 1945 bis 1989 mit einem Digitalisierungsprojekt der Kaltenbrunner Medienberatung mit viel Unterstützung aus Medienforschung, Digitalisierungsexpertise und Journalismus in einem Web-Archiv offen zugänglich gemacht. Es war damals das erste offene derartige deutschsprachige Zeitungsarchiv mit den Ausgaben aus Österreichs Zweiter Republik.
Mehr als zwei Millionen Recherchen wurden in Folge im AZ-Archiv durchgeführt. Mehr als 35 Millionen Seiten wurden abgerufen. An einem durchschnittlichen Nutzungstag waren 2021 rund 200 bis 300 User, zum Teil mehrere Stunden lang, im Archiv zu Besuch. Aus Forschungssicht war schnell evident: Offene Zeitungsarchive werden dringend nachgefragt. Ihre Usability für verschiedene Recherchen kann laufend verbessert werden. Eine Volltextsuche, die vor einem Vierteljahrhundert technisch und ökonomisch noch kaum realisierbar war, ist dabei wünschenswert. Sie wurde 2025 beim Relaunch realisiert.
Unsere Begleitforschung, Datenerhebungen und AZ-User-Befragungen bis 2021 zeigten: Die Archiv-Nutzer:innen kommen zu zwei Drittel aus Österreich, zu einem Drittel aus aller Welt. Sie sind überwiegend so jung, die Mehrheit unter 40 Jahre alt, dass sie eine Arbeiter-Zeitung in Papier gar nie in Händen gehalten hatten. Sie nutzen diese Primärquelle für Schule, Studium, Forschungsarbeiten, die eine zeitgeschichtliche Einordnung brauchen. Sehr viel dient aber auch der ganz privaten Erinnerung: Wie war das damals wann mit wem? Wie wurde das damals gesehen, berichtet, kommentiert? Das AZ-Archiv ist damit zugleich Informationsquelle für viele Medien-, Wirtschafts- oder Politikexpert:innen, und natürlich für Journalist:innen und Autor:innen, die etwa für ihr Drehbuch auch die Kleinanzeigen der Vergangenheit digitalisiert schätzen, zum besseren Verständnis von Lebensbedingungen und Lebensgefühl der frühen Zweiten Republik.
1989 war die AZ von der SPÖ verkauft worden, 1991 stellte sie ihr Erscheinen ganz ein. Noch in den 1980er Jahren hatte sie zwar zwischen 50.000 und 100.000 Exemplare täglich an treue Abonnent:innen verkauft, etwa so viele wie heutzutage „Der Standard“ oder „Die Presse“ in Österreich. Sie war aber vor allem mangels Inseratenerlösen für Parteizeitungen nicht mehr finanzierbar. Redaktionelle Versuche der frühen 1980er-Jahre, aus dem Parteiblatt ein unabhängiges, linksliberales Medium zu machen, scheiterten. Von den bis zuletzt Hunderttausenden Leser:innen erinnern sich nun Tausende via Online-Archiv an markante Ereignisse – von legendären Fußballmatches, zu diskutierten Film- und Kulturpremieren bis zu chronikalen Großereignissen und Politik-Umbrüchen der Nachkriegsjahrzehnte.
Die Entstehung des AZ-Online-Archivs
Die Titelrechte der Arbeiter-Zeitung waren nach der Einstellung an die SPÖ zurückgefallen, die diese zuvor ja bis 1989 innegehabt hatte. Medienentwickler Andy Kaltenbrunner, der selbst von 1981 bis 1989 bei der AZ beschäftigt war, schlug ein Jahrzehnt nach Einstellung des Blattes ein Pionierprojekt vor: die als Chronistin einst so bedeutsame AZ als erstes digitales Zeitungsarchiv der Nachkriegsjahrzehnte, offen für alle Interessent:innen, aufzubauen. Die SPÖ/Verein Wiener Arbeiterheime übertrug dazu der Kaltenbrunner-Medienberatung diese Rechte für die damals noch ökonomisch und technisch sehr herausfordernde Aufgabe. Besonders unterstützt wurde diese Idee nach der Jahrtausendwende unter anderem von der heutigen Nationalratspräsidentin Doris Bures und dem seinerzeitigen Finanzminister Ferdinand Lacina.
Kaltenbrunner konzipierte gemeinsam mit Andreas Scharf und dessen Design- und Webdevelopment-Agentur scharf_net mit dem AZ-Archiv in Folge einen Prototypen für ein offenes Online-Zeitungsarchiv der Zweiten Republik. Kaltenbrunner und Scharf hatten davor schon gemeinsam für renommierte österreichische Medien wie profil, trend, Autorevue und WirtschaftsBlatt erste Online-Auftritte und digitale Datenbanken entwickelt. Die Digitalisierung und Programmierung eines so umfangreichen Zeitungsarchivs war Neuland. Als eine sinnvolle Basis für Digitalisierung wurden Mikrofilme aller AZ-Ausgaben bis 1989 des deutschen Bundestags identifiziert und in Kopie angekauft. Papierversionen der gebundenen AZ standen und stehen zudem im Wiener „Verein Geschichte der Arbeiter:innenbewegung“ zur Verfügung. Sie spielten 2025 für neue Digitalisierungen und Verbesserungen eine wichtige Rolle.
Die begleitende Forschungsarbeit wurde 2004 finanziell vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank unterstützt sowie die technische Umsetzung vom Wiener Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT). Kaltenbrunner und Scharf brachten Projektmanagement, Know-how, eigene Team-Kapazitäten und Tools ein. Gut ein Dutzend Entwickler:innen, Provider, Fotograf:innen, Archivar:innen und Medienforscher:innen unterstützten in kind die Idee, Konzept und Umsetzung.
Dieses erste Online-Zeitungsarchivs seiner Art wurde dann nicht nur Primärquelle für zeitgeschichtliche Recherchen an Universitäten in vielen Ländern, sondern selbst Gegenstand von akademischen Aufsätzen und Diplom-Arbeiten:
- zu Archiven,
- zu rechtswissenschaftlichen Fragen der Zeitungsdigitalisierung,
- zu Methoden des Tech-Development – zur AZ-Genese etwa in der Schriftenreihe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Die Bedeutung des Archivs wurde auch international gelobt: arbeiterzeitung.at erhielt den Euromedia Sonderpreis der Comenius-Jury 2005 in Berlin. https://comenius-award.de/, eine Auszeichnung für richtungsweisende „eurokulturelle Bildungsmedien“. Das digitale AZ-Archiv wurde in das UNESCO-Kulturerbe-Register aufgenommen. In Online-Lexika wie Wikipedia wurden systematisch Hunderte AZ-Beiträge zu vielen Themen als Quellen verlinkt.
Den laufenden Betrieb und Kosten zum Erhalt des kontinuierlichen Onlinebetriebs und die Kommunikation mit Hunderten Usern zu deren Recherchen übernahmen Andy Kaltenbrunner und das Team der 2005 neu gegründeten Forschungs- und Bildungsgesellschaft Medienhaus Wien mit privaten Mitteln.
Als Ende 2021 die Technik zahlreicher Archivteile versagte, wurde bald klar, dass es nach 17 Jahren Archivbetrieb mit Millionen Abfragen einer komplette Überarbeitung und Neuprogrammierung bedurfte.
Das alte, neue AZ-Online-Archiv ab 2025
Der weitere Bedarf für ein solches Archiv wurde auch durch sehr viele Anfragen, Mails, Telefonate nach dessen Schließung deutlich: von Germanistik-Instituten in US-Universitäten bis zu vielen individuellen Usern in Österreich vor Ort, die die AZ regelmäßig als wichtiges zeitgeschichtliches Nachschlagwerk oder Arbeitsgrundlage benutzt hatten. Als private Betreiber und Sponsoren konnten wir zwar den laufenden Betrieb finanzieren und die User-Betreuung organisieren, nicht aber einen vollständigen Neuaufbau des Archivs mit Digitalisierungs- und Programmierkosten.
Ermöglicht wurde der Wiederaufbau schließlich 2024 durch die Genehmigung einer Förderung aus dem (jungen) Programm „Kulturerbe digital“ des Bundesministeriums für Kunst und Kultur. Finanziert wird dieses aus Mitteln der Europäischen Union. Den von einer Fachjury positiv bewerteten Einreicher:innen werden dabei bis zu 80 % der Digitalisierungs- und Projektkosten refundiert. Die weiteren Aufbauausgaben und der laufende Betrieb werden, wie in der AZ-Archiv-Vergangenheit, aus Eigenmitteln aufgebracht und alle Digitalisate werden – wie schon in den Jahren davor – für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich gemacht. Auch 2025 ist die AZ noch immer der einzige österreichische Tageszeitungstitel, der mit den Ausgaben ab 1945 offen im Internet zur Verfügung steht.
Beim Basismaterial für OCR-Erschließung (Volltexterfassung) wurde einerseits auf digitalisierte Mikrofilme aus Berlin zurückgegriffen, andererseits wurden Zehntausende Seiten neu aus den Papierbänden des „Vereins der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung“ digitalisiert. Die Neu-Digitalisierungen der AZ erfolgten durch das an der Universität Innsbruck assoziierte „Digitalfuchs“-Team und die Gesamtabwicklung sowie Volltexterfassung der rund 215.000 Seiten durch die internationalen Kooperationsplattformen von „Transkribus“ und „READ-coop“, https://www.transkribus.org/de, https://readcoop.org/ . Sie sind Entwicklungspartner und Dienstleister von Dutzenden Universitäten, Bibliotheken und Archiven in aller Welt.
Archiv-Programmierung und Website-Aufbau kommen von der IT-Entwicklungsagentur doloops (https://www.doloops.net/), wo ein leitender Deve-loper schon in der Vergangenheit mit dem AZ-Archiv vertraut war.
Technisches Management, Site-Design und UX-Planung kommen wieder von Andreas Scharf und scharf_net.
Das Gesamtprojekt wurde von Medienhaus Wien durchgeführt und administriert, geleitet von Andy Kaltenbrunner.
Das neue digitale Archiv läuft auf Serverspace, der von MHW eingerichtet ist. Sicherheitskopien der 45 Jahre Zeitungs-Zeitgeschichte sind unter anderem beim Projektunterstützer Renner-Institut, der Bildungsakademie der SPÖ, abgelegt.
Der Re-Launch von www.arbeiterzeitung.at fand Anfang November 2025 im Wiener Presseclub Concordia statt. Von Relevanz digitaler Zeitungsarchive und ihrer eigenen AZ-Nutzung berichteten dort zentrale Unterstützer:innen und Berater:innen unseres Projekts wie 3. NR-Präsidentin Doris Bures, Regisseur Harald Sicheritz, Digitalrechtsexperte Prof. Nikolaus Forgó.